Das "Darmhirn" und die Gesundheit des Verdauungssystems
Kelly C. Heim, Ph.D.



Abbildung 1. Zusammenspiel der Wirkungsmechanismen von 5-HTP und Ingwer bei der Förderung und Koordinierung der gastrointestinalen Motilität.

Das Verdauungssystem ist eine ausgesprochen komplizierte Schnittstelle zwischen Ernährung und Gesundheit. Die verdauungsfördernde Wirkung von Probiotika, Präbiotika und Enzyme ist allgemein anerkannt. Allerdings wurden in den letzten beiden Dekaden die weitaus bedeutendsten Fortschritte in der Gastroenterologie sowohl auf wissenschaftlichem als auch klinischem Gebiet beim funktionalen Aspekt der Verdauung erzielt – der gastrointestinalen Motilität.*

"Gastrointestinale Motilität" ist ein anderer Begriff für die Peristaltik, also die Kontraktionen der glatten Muskulatur, die den Darminhalt durch den Verdauungstrakt bewegen. Diese Rhythmen sind besonders während und nach Mahlzeiten wichtig, um den bestmöglichen Kontakt der Nährstoffe mit den Darmzotten zu erzielen und so die Resorption zu optimieren. Ebenso bedeutsam sind sie aber auch zwischen den Mahlzeiten, um Nahrungsmittelreste und Rückstände aus dem Darm zu entfernen, damit die gesunde Mikroflora bewahrt wird.

Die Motilität wird vom enterischen Nervensystem (ENS) oder "Darmhirn" geregelt, einem Netzwerk aus über 100 Millionen Neuronen, die in die Darmschleimhaut eingebettet sind. Das ENS wird zwar ebenfalls vom Mittelhirn beeinflusst, funktioniert jedoch unabhängig als Teil des autonomen Nervensystems. Die Neuronen im ENS kommunizieren über viele der Neurotransmitter, die auch im Gehirn nachweisbar sind; allerdings besteht ihre Rolle hauptsächlich darin, die Aktivität der glatten Muskulatur zu regulieren. Die wichtigsten Regulatoren der gastrointestinalen Motilität sind Serotonin und Acetylcholin.

Mehr als 95% des Gesamt-Serotonins im Körper wird im Verdauungstrakt gebildet, wo es durch Bindung an die Serotonin-4-Rezeptoren (5HT4-Rezeptoren) die Motilität organisiert.1,2
Sobald sie aktiviert werden, stimulieren diese Rezeptoren die Freisetzung von Acetylcholin in die neuromuskulären Endplatten und koordinieren so die Peristaltik.1,2 Sowohl 5-HTP als auch Ingwer unterstützen, zum Teil durch Förderung der 5-HT4-Aktivität, die Koordination der Motilität im oberen und unteren Gastrointestinaltrakt.2,4
Ingwer stimuliert ferner den Serotonin-3-Rezeptor (5HT3-Rezeptor), wodurch zumindest teilweise seine Wirksamkeit bei gelegentlicher Übelkeit erklärbar wird.4 Acetyl-L-Carnitin trägt zur Gesunderhaltung der motorischen und sensorischen Neuronen des peripheren Nervensystems, einschließlich des ENS, bei.*

Während unter bestimmten klinischen Bedingungen eine Stimulation der gastrointestinalen Motilität zweckmäßig ist, ist in anderen eine Beruhigung der Peristaltik erwünscht. Eine Zufuhr von Melatonin unterstützt diese Wirkung im distalen Dünndarm und Kolon und schützt darüber hinaus die Schleimhaut, indem es die inflammatorische Balance und die Regenerationsfähigkeit des Epithels erhält.3,5
Ähnliche Wirkmechanismen zeigen das Triterpen AKBA aus Boswellia serrata (Weihrauch) und das Flavonoid Quercetin, indem sie ausgleichend auf die Kontraktionsmuster der glatten Muskulatur im Ileum und Kolon wirken.6,7 Studien aus neuerer Zeit lasen darauf schließen, dass Curcumin und Boswellia nicht nur die Zytokinbalance, sondern auch den epithelialen Umsatz begünstigen.8*

Es besteht noch weiterer Forschungsbedarf, um den Nutzen dieser Nährstoffe für die Verdauung genauer abzuklären. Die zunehmende Konvergenz von Neurologie und Gastroenterologie auf wissenschaftlicher und klinischer Ebene wird höchstwahrscheinlich neue Tore zu einer individuell abgestimmten Verbesserung der Darmgesundheit aufstoßen.

*Diese Aussagen wurden von der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA (Food and Drug Administration) noch nicht überprüft. Die Produkte sind nicht für die Diagnostik, Therapie, Heilung oder Vorbeugung von Krankheiten bestimmt.

 
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